Kindersoldaten in Syrien

In bewaffneten Konflikten weltweit setzen sowohl reguläre Armeen als auch Milizen regelmäßig Kinder ein – auch, weil sie leichter beeinflussbar und manipulierbar sind als erwachsene Kämpfer. Syrien macht hier keine Ausnahme:

Der im Juni 2014 erschienene Bericht der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch »Maybe we live, maybe we die« belegt, dass sowohl die Freie Syrische Armee (FSA), als auch islamistische Gruppen wie die al-Nusra-Front und der Islamische Staat (IS), als auch die Volksverteidigungseinheit (YPG) und die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) Kinder und Jugendliche rekrutieren und im Kampf einsetzen.

Ahmed
YouTube-Clip: »Meet Ahmed, the 8-year-old boy fighting in Syria’s civil war« (The Telegraph 2013)

Kinder kommen in verschiedensten Funktionen zum Einsatz: im direkten Kampf oder aber »nur« als Boten oder an Stützpunkten und Checkpoints. Die genaue Zahl der Kindersoldaten in Syrien ist nicht bekannt – auch deshalb, weil minderjährige Rekruten oft nicht unter ihrem tatsächlichen Alter registriert werden. Dennoch hat das Violations Documenting Center, eine syrische Organisation, die die Menschenrechtsentwicklung beobachtet, allein für den Zeitraum von September 2011 bis Mai 2014 den Tod von einhundertvierundneunzig männlichen Kindersoldaten dokumentiert.

Den Weg in den Militärdienst finden die Jungen und Mädchen auf unterschiedliche Weise. Sie werden Opfer von Entführungen und zum Kampfeinsatz gezwungen; sie schließen sich auf Druck der Familie einer Miliz an oder folgen in Notsituationen finanziellen und materiellen Versprechen; andere schließen sich vermeintlich freiwillig einer kämpfenden Gruppierung an, nachdem sie zuvor manipuliert und indoktriniert wurde. Aus den Daten und Interviews von Human Rights Watch geht hervor, dass viele Kindersoldaten für mehrere Armeen gekämpft haben und leicht die Seiten wechseln. Dies legt nahe, dass sozioökonomische Gründe eine wesentliche Rolle für den Beitritt zu den verschiedenen Milizen spielen.

Der Bericht des Secretary-General on children and armed conflict in the Syrian Arab Republic (2014), der sich auf Interviews mit (ehemaligen) syrischen Kindersoldaten und deren Eltern stützt, identifiziert fehlende Bildung und mangelnde Arbeitsmöglichkeiten sowie äußeren Druck als Hauptgründe für die Rekrutierung von Kindern. Auch der Verlust von Eltern und Angehörigen sowie politische Mobilisierung tragen maßgeblich dazu bei, dass Kinder sich oppositionellen Gruppierungen anschließen. Der Bericht beschreibt weiter, dass unter anderem die PYD zahlreiche Kinder in Flüchtlingslagern rekrutiert hat – die schwierigen Lebensumstände der Jugendlichen werden gezielt für ihre Rekrutierung ausgebeutet.

Ehemalige Kindersoldaten haben es besonders schwer, sich nach der Beendigung bewaffneter Konflikte wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Das Erleben extremer Gewalt, erlittene Traumata und jahrelange ideologische Schulungen, die einer Gehirnwäsche gleichen, tragen hierzu ebenso bei wie die Tatsache, dass die Kinder zumeist über keine abgeschlossene Schulbildung verfügen.

Der siebzehnjährige Saleh etwa berichtet, dass er mit fünfzehn angefangen habe, für die Freie Syrische Armee (FSA) zu kämpfen. Diesen Entschluss habe er gefasst, nachdem er von Regierungstruppen festgehalten und gefoltert worden war. Später schloss er sich der Ahrar al-Scham an, verließ diese dann aber wieder, um sich bei der Jund al-Aqsa, einer unabhängigen islamistischen Gruppierung zu verdingen.

»Ich habe oft darüber nachgedacht, den Kampf hinter mir zu lassen«, erzählt er. »Ich habe meine Bildung verloren, ich habe meine Zukunft verloren, ich habe alles verloren. Ich habe nach Arbeit gesucht, aber es gibt keine. Das ist die schwerste Zeit für mich.« (HRW 2014)